Eine außergewöhnliche Fortbildung bot dieser Tage (Mittwoch, 7.3.2018) das Gymnasium Michelstadt den Lehrkräften des Odenwaldkreises: Prof. Dr. Joachim Bauer, Neurowissenschaftler, Internist, Psychiater und Lehrtherapeut, Professor an der Universität Freiburg sowie am IPU Berlin (Institut für Gesundheit in pädagogischen Berufen) und Autor viel beachteter und diskutierter Sachbücher rund um den Forschungsansatz der neurowissenschaftlich fundierten Pädagogik kam in den Odenwald.

 

Das renommierte Magazin „CICERO“ (Magazin für Politische Kultur) zählte den Professor in den Jahren 2006, 2013 und 2017 zu den einflussreichsten deutschsprachigen Intellektuellen.

Doch was auf dem Papier ungemein respekteinflößend und ein wenig unnahbar wirken mag, wurde in der Realität seines Vortrags zu einem beeindruckend unkomplizierten und hoch interessanten Erlebnis.

Nicht nur Bauers von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin Berlin (BAuA) unterstütztes Forschungsprojekt zur seelischen und körperlichen Gesundheit in der Schule, sondern auch seine Gründung des „Instituts für Gesundheit in pädagogischen Berufen“, München, das er leitet, tragen zu einem inzwischen anerkannten Verständnis der Zusammenhänge zwischen Biochemie und Mentalität im sozialen Miteinander bei.

Kein Wunder also, dass ihm die versammelten Pädagogen aus allen Schulformen des Kreises förmlich an den Lippen hingen, als er die Verknüpfungen von beruflichem Fachwissen und Beziehungskompetenz erläuterte, an praktischen Beispielen die Entstehung stressbedingter Gesundheitsprobleme zeigte und ganz nebenbei die Ergebnisse diverser Studien zum Stand der Pädagogik, wie etwa die Hattie-Studie, verständlich erklärte, wobei eindeutig die erhebliche psychische und mentale Belastung zum Ausdruck kam, der Lehrerinnen und Lehrer aller Schulzweige und Schulformen unterliegen.

Dass große Parallelen zwischen medizinischen und pädagogischen Tätigkeiten bestehen, weil Ärzte genau wie Lehrer zuerst eine gute Beziehung in Praxis oder Klassensaal herstellen müssen, bevor sie zu fachsimpeln beginnen, ist zwar nicht neu, folgt vielleicht auch dem gesunden Menschenverstand, wurde von Joachim Bauer aber wissenschaftlich fundiert und mit eindeutigen Forschungsergebnissen belegt.

Dabei ist sein Anliegen der Kompetenzstärkung in zwischenmenschlichen Beziehungen natürlich Labsal für die geschundene Pädagogenseele, die sich mitunter und zunehmend vor allem zeitlich bedingt vor beinahe unlösbare Aufgaben gestellt sieht: nämlich einerseits möglichst mit allen Lernenden, ihren Eltern und selbstverständlich allen Kollegen im Gesprächskontakt zu sein, andererseits aber auch eine sich verstärkende Flut von Bürokratie bewältigen zu sollen, zumindest wenn es nach Schulämtern und Kultusministerien geht. Die Frage aus dem Plenum, ob Bauer diesen Fachvortrag denn schon in der Kultusministerkonferenz gehalten habe, erstaunte daher auch nicht.

Die fachliche Vertiefung von Spiegelung und Resonanz über Spiegelneuronen und neuronales Motivations- beziehungsweise Belohnungssystem verdeutlichte die Funktionsweise körpereigener Botenstoffe wie Dopamin und Oxytozin und gipfelte in einer interessanten Erkenntnis: „Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie.“

Dieser Leitsatz bildet die Grundlage für das von Bauer und seiner Arbeitsgruppe entwickelte „Freiburger Modell zur Prävention“, bei dem Mediziner und Pädagogen gleichermaßen gewaltfreie Kommunikation einüben können, aber auch allerhand Informationen über Körpersprache, Gruppendynamik oder die Kunst wertschätzender Kritik erhalten und in Rollenspielen vertiefende Handlungsstrukturen erproben können.

Die Fähigkeit zum Innehalten, zum genauen Hören – auf sich und in sich hinein, aber auch auf andere – ist danach ein wesentlicher Bestandteil des guten Unterrichts. Allerdings, so Bauer, gibt es immer mehrere Arten, ein guter Lehrer zu sein, was sein Publikum selbstredend mit heftiger Zustimmung quittierte.

So war der Ausflug in die Biochemie des Körpers schließlich auch das, was Bauer als Titel eines seiner berühmtesten Bücher gewählt hat, ein „Lob der Schule“.

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